Harald Zeller kann Dinge vor unseren Augen verwandeln, zum Beispiel ein Stück Papier ein einen fliegenden Kranich
Eine magische Welt
„Dank meines Großvaters habe ich das Staunen nie verlernt.“
Harald Zeller wird 1951 als Enkel deutscher Auswanderer in Chile geboren. Er vergöttert seinen Großvater, der es versteht, jede noch so kleine Begebenheit zu einem besonderen Ereignis werden zu lassen. Er lässt einen Zirkus auf seinem Land kampieren. In dieser Umgebung verlernt Harald das Staunen nicht. Als der Großvater älter wird, entschwindet er nach und nach in eine andere Welt. Er verlernt die Sprache und kann plötzlich kein Spanisch mehr. Großvater und Enkel können nicht mehr miteinander sprechen, aber sie verstehen sich auch ohne Worte. Das freundliche, milde Lächeln ist Harald bis heute in Erinnerung. „Wahrscheinlich hatte er Alzheimer“, erzählt Harald Zeller, „aber ich war einfach nur fasziniert von ihm. Mir erschien er wie ein auf der Erde wandelnder Zauberer.“
Als sich 1973 das Militär in Chile an die Macht putscht, flieht Harald Zeller nach West-Berlin. Hier fühlt er sich vom ersten Augenblick an „pudelwohl“, berichtet der ausgebildete Journalist, denn die Stadt sei ein Mekka der Zauberkunst. Leider kann er kein Wort Deutsch. Doch er lernt rasch und absolviert bei der evangelischen Landeskirche eine theologische sowie eine psychologische Ausbildung. Er wird Sozialarbeiter und leitet einige Jahre das Amt für Jugendarbeit in Kreuzberg. Dann wechselt er in die Erwachsenenbildung und schließlich in die Krankenhausseelsorge.
„Es ist wie eine Reise in eine magische Welt, durch eine verwunschene Landschaft, in eine andere Realität.“
Wie sind Sie denn bei der Betreuungsbörse der Alzheimer Gesellschaft Berlin gelandet?
Drei Dinge haben mich hierher gebracht. Erstens mein Großvater, der mir wie ein weiser Guru vorkam. Ich war fasziniert von der Welt, in die er zunehmend entschwand, und staunte über das, was ich davon mitbekam. Dann, viele Jahre später in Berlin, holte ich einmal meine Frau, die Krankenschwester war, von der Arbeit ab. Dort traf ich eine demenziell erkrankte Frau, und wir kamen unglaublich schnell in Kontakt miteinander. Es entstand sofort eine sehr intime, persönliche Beziehung, eine Art von großer Liebe auf einer ganz besonderen Ebene. Da war eine unglaubliche Vielfalt in unserem Geist miteinander spürbar. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Als ich dann mitbekam, dass die Alzheimer Gesellschaft Berlin auf der Suche nach Ehrenamtlichen war, dachte ich, ich probiere es mal aus.
Das war 2008. Seitdem sind Sie hier. Warum? Was gibt Ihnen dieses Ehrenamt?
Es ist ein Privileg, Menschen mit Demenz zu treffen, es ist ein Reichtum, an ihrer Welt teilhaben zu dürfen. Sie nehmen mich mit in einen Raum jenseits des Alltäglichen. Es ist wie eine Reise in eine magische Welt, durch eine verwunschene Landschaft, in eine andere Realität. Dort existiert eine andere Wirklichkeit, aber es ist eine Wirklichkeit. Wir amüsieren uns dort königlich.
Was machen Sie bei Ihren Besuchen zusammen?
Wir machen, worauf wir Lust haben. Wir singen, wir basteln. Heute zum Beispiel hatte ich Papier und Schere dabei – und im Nu stand der ganze Zoologische Garten aus Papier vor uns. Da waren plötzlich alle möglichen Tiere. Manchmal zaubere ich auch. Ich bin ein Zauberer, ein schlechter Zauberer, aber es macht mir großen Spaß.
„Es ist ein Privileg, an dieser reichen anderen Welt teilhaben zu können.“
Was glauben Sie, warum fällt es Ihnen so leicht, mit Menschen mit Demenz in Beziehung zu gehen?
Also das geht natürlich nicht mit jedem Menschen, es braucht eine Offenheit, eine Verbindung. Ich erkenne in der Regel innerhalb von wenigen Sekunden, ob es passt. Und wenn es das tut, ist es eigentlich ganz einfach. Ich als außenstehende Person habe ja einen großen Vorteil gegenüber Familienmitgliedern: Ich kenne die Menschen nicht und habe keine Vergangenheit mit ihnen. Für mich fängt diese Beziehung jetzt, in diesem Moment, in dieser besonderen Realität an. Diese Welt, so verschoben sie für uns auch scheinen mag, ist in sich stimmig. Ich kann mich gut hineinversetzen und es erfüllt mich auch noch mit sehr viel Freude, mit dem Menschen dort ein paar Stunden zu verbringen.