Politik und Gesellschaft schaffen rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen, die das Leben von Menschen mit Demenz sowie den An- und Zugehörigen entscheidend beeinflussen. Lange bevor ein Pflegegrad offiziell festgestellt wird, benötigen Betroffene Unterstützung in Alltag, Beruf und Freizeit. Doch nach wie vor fehlt es an Wissen, Sensibilität und konkreten flächendeckenden Unterstützungsangeboten.
Die Begleitung und Versorgung von Menschen mit demenziellen Erkrankungen sind individuell und herausfordernd. Es müssen nicht nur verschiedene Lebensmodelle mitgedacht werden, sondern auch die demografische Entwicklung, die das Ungleichgewicht von pflegebedürftigen und pflegenden Menschen weiter verschärfen wird. Wir brauchen neue Wege, um diese Herausforderungen zu bewältigen.
Gute Ansätze und Ideen gibt es bereits. Es fehlen jedoch überprüfbare Qualitätsstandards, die Menschen mit Demenz und ihre Familien einfordern können. Menschen, die Hilfe benötigen, sind dem System meist hilflos ausgeliefert.
Wir fordern die Rechte von Menschen mit Demenz ein.
Menschen mit Demenz haben ein Recht auf Diagnostik und Behandlung, eine umfassende Versorgung und Begleitung sowie eine umfassende Teilhabe in der Gesellschaft. Letztere umfasst laut der Nationalen Demenzstrategie unter anderem barrierefreie Sozialräume, alter(n)sgerechte, barrierefreie Mobilitätskonzepte, demenzfreundliche Netzwerke, eine sensibilisierte Öffentlichkeit sowie geeignete, barrierefreie Wohnkonzepte. In der Praxis sind diese Rechte bisher nur unzureichend umgesetzt. Im Folgenden finden Sie unsere Forderungen, die zu einer Verbesserung der Situation beitragen würden.
1. Die Zeit für die häusliche Pflege muss finanziell ausgeglichen werden.
Die Mehrzahl der Menschen mit Demenz wird zu Hause von ihren An- und Zugehörigen betreut und gepflegt. Ohne ihr Engagement müsste der Staat kaum vorstellbare Summen aufwenden. Die Familien können jedoch nicht alles allein stemmen. Wir fordern eine stärkere ideelle wie auch materielle Anerkennung der Leistungen all derer, die die Menschen mit Demenzen betreuen und pflegen. Wenn berufstätige Angehörige ihre Arbeitszeit für die Pflege eines Familienmitglieds reduzieren, muss dies angemessen ausgeglichen werden – sowohl hinsichtlich des entgangenen Einkommens als auch der künftigen Rentenansprüche. Hier sind entsprechende Gesetzesänderungen dringend notwendig.
2. Die ambulante und teilstationäre Pflege muss gestärkt werden.
Die meisten Pflegebedürftigen möchten weiter im privaten Haushalt leben. Ohne ambulante Pflegedienste und teilstationäre Einrichtungen wie die Tagespflege ist weder die Versorgung von Menschen mit Demenz noch die Entlastung von An- und Zugehörigen möglich. Wenn die kurzfristige Versorgung nicht gewährleisten werden kann, hat das katastrophale Auswirkungen auf die häusliche Pflege und die Familien. Aus diesem Grund müssen die Angebote der ambulanten und teilstationären Pflege dringend ausgebaut, verbessert und gestärkt werden. Ein Angebot mit hohem Entlastungspotenzial, das aufgrund immenser bürokratischer Hürden kaum zur Verfügung steht, ist die Nachpflege. Einrichtungen müssen beim Schaffen neuer Angebote unterstützt werden.
3. Pflege muss für Fachkräfte attraktiver werden.
Der Fachkräftemangel hat dramatische Auswirkungen auf eine menschenwürdige Versorgung von demenziell erkrankten Menschen und das Leben der Familien. Er führt dazu, dass Wohnbereiche geschlossen werden, die Zahl der Heime und Heimplätze in Berlin sinkt und eine gute Betreuung und Pflege nicht überall gewährleistet werden können. Um Verbesserungen zu erreichen und Angebote nachhaltig zu sichern, braucht es dringend mehr Personal für die Pflege – auch Pflegekräfte aus dem Ausland mit entsprechenden Sprachkenntnissen und Erfahrungen mit demenziellen Erkrankungen. Diese Ziele sind nur zu erreichen, wenn Pflegeberufe durch eine angemessene Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen attraktiver gemacht werden.
4. Eine gute und zuverlässigen Langzeitpflege muss für alle Menschen mit Demenz gewährleistet werden.
Mit Fortschreiten der Erkrankung benötigen Menschen mit Demenz eine 24-Stunden-Begleitung. Seit Jahren mehren sich jedoch Vorfälle, in denen Betroffenen diese verwehrt wird oder Qualitätsstandards untergraben werden – vor allem dann, wenn die Begleitung herausfordernder wird. An- und Zugehörige berichten regelmäßig davon, dass Menschen mit demenzieller Erkrankung bei Lauftendenz den Heimplatz verlieren, dass sie bei Unruhe starke Psychopharmaka oder Beruhigungsmittel erhalten oder dass sie erst gar keinen Heimplatz finden – etwa, wenn sie mit Frontotemporaler Demenz diagnostiziert werden.
Diese Unsicherheiten, Mängel und Lücken in der Versorgung sind untragbar. Sie verstärken die ohnehin enorme Belastung der Betroffenen und stellen sie vor unlösbare Aufgaben. Wir fordern, dass Pflegeheime und Wohn-Pflege-Gemeinschaften ihrem Versorgungsauftrag gerecht werden, bestehende Standards einhalten und Menschen mit Demenz sowohl fachlich als auch menschlich gut begleiten.
5. Pflege muss bezahlbar sein.
Ob in der ambulanten Versorgung, in alternativen Wohnformen oder in stationären Einrichtungen: Pflege muss bezahlbar bleiben. Schon jetzt sind die Eigenanteile, die Familien für die Pflege aufbringen müssen, enorm hoch. Durch Faktoren wie steigende Personal- und Energiekosten ist zu erwarten, dass Pflegeleistungen in Zukunft noch teurer werden. Viele Menschen werden sich die Zuzahlungen nicht mehr leisten können und auf Sozialhilfe angewiesen sein. Hier müssen dringend Lösungen gefunden werden.
6. Selbsthilfe und Engagement müssen verlässlich gefördert werden.
Selbsthilfeorganisationen und Träger gesundheitlicher und sozialer Projekte leisten einen unverzichtbaren Beitrag zu einer lebenswerten Gesellschaft. Ihre Förderung darf nicht infrage gestellt werden. Wenn nicht sicher ist, ob laufende Kosten finanzierbar sind, können wichtige Projekte nicht fortgeführt oder begonnen werden. Wir fordern deshalb, dass die Selbsthilfe und Beratungsstrukturen verlässlich, berechenbar und nachhaltig gefördert werden.
7. Wir brauchen sorgende Gemeinschaften.
Gemeindenahe sorgende Gemeinschaften – sogenannte Caring Communities – können die individuelle Versorgung verbessern. Der Siebte Altenbericht der Bundesregierung kam unter anderem zu dem Schluss, dass „lokale Strukturen der Sorge und der Mitverantwortung“ dann am besten funktionieren, „wenn sich Familienangehörige, professionelle Fachkräfte, Nachbarinnen und Nachbarn, Freundinnen und Freunde sowie freiwillig Engagierte zusammen um einen Menschen kümmern.“ Es ist eine Aufgabe der lokalen Politik, solche Strukturen systematisch zu fördern und aufzubauen. In Berlin müssen die Bezirke Koordinierung und Unterstützung leisten. Auch andere Akteure und Akteurinnen müssen sich einbringen. Der Aufbau sorgender Gemeinschaften kann nur miteinander gelingen.