Ehrenamtliche

Meike Fischer

Die Inspirierte: Meike Fischer

Diese kleine Tasche hat Meike Fischer immer dabei. Sie sorgt bei jedem Besuch für Freude: „Die kenne ich doch!“

Man wird so geerdet

„Frau Fischer bringt immer schöne Sachen mit“

Als Meike Fischers Vater 2018 an Alzheimer erkrankt, ist sie zum ersten Mal mit demenziellen Erkrankungen konfrontiert. In ihrer Orientierungslosigkeit ruft sie bei der Alzheimer Gesellschaft Berlin an. „Hier wurde mir einfach nur zugehört“, sagt die 1965 geborene Frau aus Sachsen, die als Buchhalterin arbeitet. „Das offene Ohr und die warme Atmosphäre haben mir unheimlich gut getan.“ Gemeinsam mit ihrem Bruder teilt sie sich die Betreuung und ermöglicht es ihrem Vater so, noch einige Zeit in der eigenen Wohnung in Leipzig zu bleiben, bevor er in ein betreutes Wohnen umzieht. 2020 stirbt ihr „Vati“ und das Corona-Virus legt das Land lahm. Meike Fischer hat plötzlich viel Zeit und besucht mal wieder die Website der Alzheimer Gesellschaft Berlin. Da entdeckt sie die Betreuungsbörse und fühlt sich gerufen. „So etwas wäre für meinen Vati auch toll gewesen“, sagt Meike Fischer, „dann hätte er nicht so viel allein sein müssen.“ Sie beschließt, sich das, was sie durch ihren Vater gelernt hat, nun zunutze zu machen und anzuwenden und meldet sich als Ehrenamtliche an. Bald ist eine passende Person gefunden. Liebe- und respektvoll nennt sie den ehemaligen Studienrat „mein alter Herr“. In ihren gemeinsamen Stunden entführt der 68er Meike Fischer in rebellische Zeiten seiner westdeutschen Jugend, ins Baskenland und in eine französische Welt voller Genuss mit Musik und gutem Essen.

„Für mich ist es eine Bereicherung, das kann ich nicht anders sagen. Die Chemie stimmt einfach.“

Seit 2021 besuchen Sie „Ihren alten Herrn“ einmal in der Woche. Wie laufen Ihre Treffen ab?

Es gibt stets Kaffee aus Sammeltassen, die ich nach einiger Zeit extra dafür zu ihm gebracht habe. Ich habe immer etwas Süßes dazu dabei. Und dann spielen wir Backgammon, das hat er mir beigebracht. Das Spiel ist unser Rahmen. So kommen wir in Kontakt. Wir fangen einfach an. Und oft erzählt er mir dann Geschichten aus seinem Leben. Die finde ich unheimlich interessant. Er war bei den 68ern dabei, hat in Spanien gelebt und liebt Frankreich, Musik, gutes Essen und Wein.

Hatten Sie gleich einen guten Draht zueinander?

Beim ersten Treffen hat er für mich gesungen, da hat es gleich gefunkt.

Das klingt ja sehr inspirierend.

Ja, ist es. Mit seinen Erzählungen weckt er mein Interesse an Dingen, mit denen ich mich sonst nie beschäftigt hätte. Ich spiele jetzt Backgammon. Und ich kenne nun viele Chansons von Edith Piaf und stand in Paris vor einem Jazz-Club, den er in seiner Studienzeit regelmäßig besucht hat. Seinen Geburtsort in Süddeutschland habe ich mir auch schon angesehen. Und nächstes Jahr fahren mein Mann und ich ins Baskenland, von dem er immer wieder so lebendig erzählt, dass ich das unbedingt selbst erleben möchte. Für mich sind die Treffen eine Bereicherung, das kann ich nicht anders sagen.

„Mit seinen Erzählungen weckt er mein Interesse an Dingen, mit denen ich mich sonst nie beschäftigt hätte.“

Wie würden Sie das Verhältnis zu Ihrem „alten Herrn“ beschreiben?

Es ist ein Vertrauensverhältnis. Er erkennt mich und freut sich auf unsere Treffen, genau wie ich. Er macht es schön, wenn ich komme. Ich rufe immer an, wenn ich in den Bus steige, dann legt er los. ‚Die Frau Fischer bringt immer schöne Sachen‘ mit, sagt er oft. Ich habe ihm mal einen Schal gestrickt. Und letztens brachte ich ihm ein Jackett mit. Ich fand, es passt zu ihm. Das ist jetzt sein Lieblingsjackett. Die Chemie stimmt einfach. Ich gehe sehr gerne zu ihm. Und ich kenne ihn inzwischen so gut, dass ich genau weiß, welche Musik ich auflegen muss, wenn es ihm mal nicht gut geht. Wenn Edith Piaf ihn zu Tränen rührt, kann ich ihm mit einer Jazz-Platte Geborgenheit schenken. Dass ich das weiß, ist ein sehr gutes Gefühl.

Wie fühlen Sie sich bei und nach den Besuchen?

Leicht und geerdet. Ich werde abgeholt und rausgeholt aus meinem Treiben im Alltag. Ich komme runter. Unser Zusammensein entspannt mich sehr.