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Ingrid Fuhrmann
Ingrid Fuhrmann

Erinnerung an Ingrid Fuhrmann

Am 16. Juli 2026 ist unser Gründungsmitglied, Frau Ingrid Fuhrmann, im Alter von 92 Jahren verstorben.

Die Mutter von Frau Fuhrmann erkrankte ca. 1985 an Alzheimer. Zu einer Zeit, wie es Frau Fuhrmann selbst einmal formulierte „in der Begriffe wie Demenz oder Alzheimer-Krankheit fast ausschließlich nur in Fachkreisen bekannt waren. Die Unwissenheit über Diagnosestellung und eventuelle Therapiemöglichkeiten und das meist höhere Alter der Erkrankten ließen die Kranken und ihre Angehörigen fast immer ohne adäquate Versorgung und in dem Glauben, das sei alles altersgemäß und das habe man zu ertragen.“

In Berlin gab es glücklicherweise bereits damals an der Freien Universität Berlin eine Abteilung Gerontopsychiatrie, wo eine entsprechende Diagnostik durchgeführt wurde und gleichzeitig eine Aufklärung der Angehörigen erfolgte. Frau Fuhrmann hat zusammen mit anderen Angehörigen, deren Familienmitglieder dort Patienten waren, 1987 die erste offene Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzkranken in Berlin mit initiiert. Aus dieser Gruppe heraus entstand schließlich der Wunsch, eine Lobby zu schaffen, um auf dieses Krankheitsbild und die Situation der Angehörigen in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Dies sollte ehrenamtlich und in einer Organisation geschehen, in die sowohl Fachkräfte als auch Angehörige ihr Fach- und Erfahrungswissen mit dem Zwischenziel einbringen sollten, einen Verein mit einem handlungsfähigen Vorstand ins Leben zu rufen. Diese erste Etappe fand am 31. März 1989 mit der Gründung der Alzheimer Gesellschaft Berlin e.V. ihren Abschluss.

Frau Fuhrmann war von 1989 bis 1991 zweite Vorsitzende und von 1992 bis 1996 erste Vorsitzende und vor allem in der ersten Phase eine unverzichtbare Impulsgeberin für die inhaltliche und formale Vereinsarbeit. Sie hat diese sehr zeitaufwändige Arbeit über all die Jahre ehrenamtlich geleistet und immer die Situation der Kranken und der pflegenden Angehörigen in den Mittelpunkt gestellt. Vor allem die Selbsthilfe war ihr ein wichtiges Anliegen. Sie suchte Verständnis für die Situation der Alzheimer-Kranken und ihrer Angehörigen. Ihr im Rahmen dieser Aktivitäten erworbenes Expertenwissen vermittelte sie nicht nur anderen Angehörigen, sondern auch weiteren Interessierten (z.B. Fachpersonal aus dem Pflegebereich), die mehr über die Krankheit und ihre Auswirkungen auf das Umfeld lernen wollen. So war sie auch ehrenamtlich beratend tätig bei der Erarbeitung eines Konzeptes für eine gerontopsychiatrische Tagesstätte und einer Wohngemeinschaft für Alzheimer-Kranke. Auch hier lag ihr besonderes Interesse immer in der Förderung der Zusammenarbeit von Angehörigen und Professionellen.

Frau Fuhrmann ist Mitautorin des von der Alzheimer Gesellschaft Berlin e.V. herausgegebenen Buches „Abschied vom Ich – Stationen der Alzheimer-Krankheit“, das sich insbesondere dadurch auszeichnet, dass in ihm praktische Erfahrungen von Angehörigen thematisiert und Wege zur Bewältigung dieser schwierigen Situation aufgezeigt werden. Sie nahm regelmäßig an Arbeitskreisen teil, wie z.B. der Erarbeitung einer Stellungnahme der Alzheimer Gesellschaft Berlin e.V. zur Bioethikkonvention des Europarats.

Ein Verdienst von Frau Fuhrmann ist, dass die Alzheimer Gesellschaft Berlin e.V. keine der Einrichtungen geworden ist, in der „Fachleute“ über die Situation und die Bedürfnisse Betroffener hinwegreden und entscheiden. Den Schwerpunkt der konzeptionellen und praktischen Arbeit des Vereins bildet noch heute der ständige Dialog zwischen betroffenen pflegenden Angehörigen und Fachleuten. Ihr war es besonders wichtig, dass Angehörige frühzeitig aufgeklärt werden in Form von Beratung und dem Austausch mit anderen Angehörigen sowie deren Entlastung und ganz besonders der Erhalt der Würde der Erkrankten. Darüber hinaus ist Frau Fuhrmann auch Gründungsmitglied der im Dezember 1989 gegründeten Deutschen Alzheimer Gesellschaft und war auch hier viele Jahre im Vorstand ehrenamtlich tätig.

2002 erhielt sie für ihr ehrenamtliches Engagement den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, der ihr vom damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit überreicht wurde. Im gleichen Jahr wurde Sie Ehrenmitglied der Alzheimer Gesellschaft Berlin. Frau Fuhrmann blieb auch nach dem Ende ihres langjährigen Engagements beiden Vereinen eng verbunden. Wann immer sie es einrichten konnte, nahm sie an den Mitgliederversammlungen der Alzheimer Gesellschaft Berlin teil. Sie las weiterhin mit großem Interesse die „Mitteilungen“ der Alzheimer Gesellschaft Berlin und verfasste hin und wieder eigene Texte dafür. An den jährlichen Veranstaltungen zum Welt-Alzheimertag nahm sie mit großem Interesse teil, ebenso an den Gottesdiensten in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wo ihr Enkel mit seiner Geige auftrat, was sie mit Stolz erfüllte.

Noch im hohen Alter traf Frau Fuhrmann das zweite Mal der Schicksalsschlag einer familiären Demenzerkrankung; sie begleitete ihren erkrankten Mann – zuerst im häuslichen Bereich und später in einer stationären Einrichtung. In dieser Zeit fand ein sehr intensiver Austausch mit der Alzheimer Gesellschaft Berlin statt, vor allem die Suche nach einem „geeigneten“ Heim wurde für sie zu einer Herausforderung. In ihrem Vortrag anlässlich des Welt-Alzheimertages 2021 ging sie darauf ein und forderte wieder, wie schon vor über 30 Jahren: Die kranken Menschen können sich selber nicht mehr artikulieren und ein Leben in Würde fordern. So ist es unsere Aufgabe zu fordern, Mängel aufzuzeigen und zu begründen, dass wir uns für kranke Menschen einsetzen, die keine kranke Masse, sondern eigene Persönlichkeiten sind und bleiben – trotz einer Erkrankung an Demenz. Über all die Jahre haben wir – ich kannte Frau Fuhrmann 30 Jahre – bis noch vor kurz ihrem Tod einen persönlichen Kontakt aufrechterhalten. Der zeigte sich in Geburtstags- und Weihnachtglückwünschen sowie in regelmäßigen Telefonaten und Besuchen. Im letzten Jahr haben wir noch, mit anderen „Mitstreiterinnen“, ihren 91. Geburtstag im Garten ihres Sohnes gefeiert. Frau Fuhrmann bleibt ein Teil der Alzheimer Gesellschaft Berlin. Wir werden sie nicht vergessen und denken an sie mit Respekt und großer Dankbarkeit.

Christa Matter

Hier finden Sie einen persönlichen Nachruf auf Frau Fuhrmann von Ursula Ritter.